Sozialistische Jugendorganisation

6 Stunden Jungpionier in der DDR

1980 – 1989: Staatliche „Juri-Gagarin-Oberschule“ Crock

Unsere Kinder haben wir in der DDR mit dem jeweiligen Schuleintritt in die „Juri-Gagarin-Oberschule“ in Crock, gleich gegenüber dem Crocker Pfarrhaus, nicht bei den Jungpionieren angemeldet. Das war ein „schwerer Schlag“ für die Schulleitung. Sie konnte keine 100% „Vollzähligkeit“ in dieser Frage dem zuständigen Schulamt in Kreis Hildburghausen melden. Die Schulleitung war nicht untätig, sie hat sich gerächt.

Die Schulleiterin und später der Schulleiter der Crocker Schule, Werner Bandekow, haben sich perfide Dinge einfallen lassen. Unser Sohn war ihnen dabei besonders im Visier. Im Vorfeld seiner Einschulung wurde „hintenherum“ eine Einweisung in die 50 km entfernte Sprachheilschule Meiningen eingefädelt. Was die Schulleitung nicht wusste: Die Logopädin war mit uns verwandt und informierte uns rechtzeitig. Somit konnten wir die „Einweisung“ abwenden und der Direktor musste sich mit einem weiteren „Nichtpionier“ abfinden. Carl konnte dann doch noch das „k“ und „g“ sprechen.

In der Schule selbst wurde morgens vor der ganzen Klasse bei dem „Seid bereit“-Gruß der Jungpioniere jeweils durch die Klassenlehrerin vor der ganzen Klasse darauf hingewiesen, dass Melanie, Carl oder Anna den Pioniergruß der DDR nicht mitmachen dürfen, also nicht die Hand zum Gruß der Jungpioniere erheben, da sie eben leider keine Jungpioniere der DDR sind.

Pioniergruß

Pioniergruß

Auch am Pioniernachmittag, jeweils mittwochs, wurden sie ausgeschlossen. Die Mitschüler haben unsere Kinder gedrängt, doch endlich auch Jungpioniere der DDR zu werden, damit sie mittwochs auch zum Pioniernachmittag kommen können. Für uns als Eltern war es schwer, diese Ablehnung gegenüber unseren Kindern durchzuhalten, weil sie es natürlich nicht verstanden haben. Später waren unsere Kinder für unsere klare Entscheidung dankbar.

Nach einem halben Jahr aber wendet sich jeweils das Blatt. Jetzt kamen die Klassenkameraden zu unseren Kindern und sagten: „Ihr habt’s gut, ihr könnt Mittwochnachmittag nach Hause. Wir müssen zu dem blöden Pioniernachmittag gehen, an dem nie etwas los ist.“

Schuljahr 1960 / 1961: Staatliche „Theodor-Storm-Oberschule“ Heiligenstadt

Da kann ich nun auch auf meine eigene Geschichte verweisen. Meine drei Brüder und ich durften auch keine Pioniere werden. Darüber wurde zu Hause in Heiligenstadt nicht diskutiert.

Doch in der dritten Klasse hatte es mir dann gereicht. Mitten im Unterricht habe ich zur Klassenlehrerin gesagt: „Heute will ich auch Junger Pionier werden“. Daraufhin wurde der Unterricht unterbrochen. Die Lehrerin ging in das Lehrerzimmer um Pionierhalstuch und Pionierausweis zu holen. Sie band mir dieses feierlich vor der Klasse um und übergab mir mit einem „Herzlichen Glückwunsch“ den Pionierausweis. Sie konnte jetzt auch „endlich“ eine hundertprozentige Teilnahme melden und ich fühlte mich nicht mehr ausgeschlossen. Das durfte ich auch gleich „malen“:

"Ich bin Pionier!"

„Ich bin Pionier!“

Pionierkleidung

Pionierkleidung

„Stolz wie Oskar“ (mein zweiter Vorname) bin ich nach Hause gegangen. Unvergessen für mich ist, was sich beim Eintritt in die Küche nunmehr abspielte. Ich öffne also die Küchentür. Mein Vater Christoph sitzt am Tisch, meine Mutter Johanna steht am Kochherd. Mein Vater sieht mich an, steht auf, zieht mir ziemlich heftig das Pionierhalstuch ab, haut mir links und rechts eine kräftige Ohrfeige, nimmt noch den Ausweis und schmeißt beides in den brennenden Küchenherd. Dabei wurde kein Wort gesprochen. Ich war nicht einmal sechs Stunden lang „Junger Pionier“.

Diese Art des Umgangs zu Hause mit der Zugehörigkeit zu einer staatlichen Organisation war so eindrücklich, dass ich nie wieder den Wunsch hatte zu einer solchen Organisation oder einer Partei zu gehören.

_________________________

Die Bilder und die nachfolgenden Textstellen wurden aus „Halstuch, Trommel und Fanfare“ von Rudolf Chowanetz entnommen. Kinderbuchverlag Berlin, 5. Auflage 1987.

Noch ein paar „Kostproben“:

Das Pionierjahr.

Das Pionierjahr.

Pioniertreffen Erfurt 1961

Pioniertreffen Erfurt 1961

Warum sind auf der Einladung zum IV. Pioniertreffen der DDR in Erfurt gleich zwei Kirchen abgebildet?

Seite 5
„…Der Appell wird ordentlich und diszipliniert ablaufen, die Kommandos werden richtig und genau ausgeführt, wenn jeder Pionier weiß, worum es geht, und mit seinen Gedanken dabei ist. Alle sehen dann, daß Pioniere geschlossen auftreten und zusammenhalten…“

Seite 9
„…Schon im Kindergarten und am Beginn des ersten Schuljahres haben sich die Mädchen und Jungen auf die Aufnahme in die Pionierorganisation vorbereitet.“

Seite 22
„…Bei der Aufnahme als Jungpionier wird das Versprechen abgegeben, nach den Geboten der Jungpioniere zu handeln…
…Wir Jungpioniere tragen mit Stolz unser blaues Halstuch…“

Seite 31
„…die Pioniere kommen regelmäßig zusammen, lernen die Gebote und die Symbole der Pionierorganisation kennen, sprechen über den Pionierauftrag…Gemeinsam singen sie Lieder, üben das Antreten und Marschieren für den Appell…“

 

Dieser Beitrag wurde unter Stasiakte abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.