Betrachtung zum Jahreswechsel 1991/1992

Liebe dich selbst oder?

Von Pfarrer Johannes Ziegner

„Schaue ich am Ende des Jahres zurück, dann bin ich nach wie vor sehr dankbar für das Ende der sozialistischen Diktatur, dankbar für die Befreiung von einem unmenschlichen System. Eine neue Freiheit mit ungeahnten Möglichkeiten hat sich aufgetan. Was ist in den letzten zwei Jahren nicht allein an Bauvorhaben verwirklicht worden in unseren

Dörfern und Städten, in unseren Kirchen, was unter anderen Umständen noch Jahrzehnte gebraucht hätte. Dankbar bin ich auch für die Reisefreiheit. Man kann fahren, wohin man will: das Auge darf sich satt sehen. Wie hat unser Leben mit einem Male gewonnen und gewinnt immer noch. Dankbar blicke ich zurück, und ich möchte mir diese Dankbarkeit auch für die Zukunft erhalten

Doch immer mehr mischen sich in alle Freude auch dunkle Töne. Einiges in diesem neuen Leben fehlt mir. Hatten wir doch in unserem „alten Leben“ ein paar Dinge, die unser Miteinander prägten, die sehr gut waren. Ich denke dabei an die menschliche Wärme, oder das SichverlassenKönnen auf den anderen. Ich denke an so manche Aktion, die wir in der Kirchengemeinde geplant und durchgeführt haben, oft am Rand der Illegalität. Gerade dieses Zusammensein und Zusammenhandeln gab uns im Alltag Kraft. In unseren ,,Nieschenverstanden wir uns. Unsere Häuser waren offen. Heute sind unsere Haustüren verschlossen. Im Bekanntenund Freundeskreis gingen wir unbedenklich aufeinander zu. Mit der Wende befürchtete ich schon, daß so manches Mitmenschliche der neuen großen Freiheit geopfert werden würde.

Der verbissene Kampf um das Geld bestimmt nun unser Leben. Jeder kämpft auf seine Weise. Wo ist die Gemeinschaft geblieben; wo die Menschen, bei denen wir uns wohl gefühlt haben? Wo findet noch das offene und ehrliche Gespräch statt? Wo werden Konflikte, wie Angst oder Existenznöte ganzer Familien besprochen? Wer gesteht sich oder dem anderen ein, daß er das Neue schwer oder nicht schafft. Macht das ,,InsichHin einfressender neuen Sorgen nicht viele krank? Bewundernswert finde ich aber die Mitmenschen, die oft genug entgegen den Anfeindungen von vermeintlichen Freunden und Bekannten ein eigenes Geschäft o. ä.gründen oder sich auf einen ganz neuen Beruf ein lassen. Vielfach wird ihnen die se neue Selbständigkeit nicht gegönnt.

Die Gesellschaft hat sich gespalten. Auf der einen Seite stehen die, die unter Aufbietung ihrer ganzen Kräfte sich eine Existenz sichern und auf der anderen Seite sind die, die das neue Leben nicht bewältigen. Alles Gewohnte hat plötzlich keinen Bestand mehr. Unser aller Leben hat sich nicht nur gewendet, nein, es ist völlig umgekrempelt worden!

Schlimm finde ich auch die Erkenntnis, daß nicht mehr der Charakter, sondern oft genug das ,,Outfitentscheidet und inzwischen jeder sich selbst zum Nächsten geworden ist. Diese Schwierigkeiten unseres Lebens werden deutlich in lautstarken und aggressiven Äußerungen gegenüber Anderslebenden und Andersdenkenden.

40 Jahre lang war eine eigene Meinung nicht gefragt, man mußte nur an entsprechender Stelle zur richtigen Zeit nicken, ohne nach dem Wenn und Aber zu fragen. Doch gerade jetzt greifen manche ,,Nickerwider besseren Wissens unqualifiziert in die neue Situation ein. Vergessen wir doch nicht, daß wir 40 Jahre eingesperrt waren. Wo kommt plötzlich der Weitblickher? Die Kritischen von „damalssind auch heute wieder die Kritischen und damit auch wieder die unliebsamen Menschen.

Fällt es nicht auf, daß viele demokratisch gewählte Vertreter damit beginnen, in ihren Ämtern und Funktionen ihre Profilneurosen zu pflegen. Entstehen da nicht schon wieder kleine Diktaturen, die mehr schaden, statt uns auf dem neu eingeschlagenen Weg voranzubringen? Hat uns dabei nicht die 40jährige Trägheit schon wieder eingeholt? Wer nimmt bewußt an politischen Entscheidungen teil in der Gemeinde oder Landespolitik

Zwei Jahre nach der friedlichen Revolution sehnen sich schon wieder viele nach Ruhe. ,,Am liebsten so weitermachen wie bisher. Der alte Trott, man war eben so drin. Es ist viel schlimmer, als vorher. Das vergangene Jahr will ich nicht noch einmal erleben, höre ich. Ist das schon wieder vergessen, was die Staatssicherheit noch im Jahr 1989 mit uns vor hatte

Liebe Leser, so nnte ich fortfahren am Ende des zweiten Jahres nach „der neuen Zeitrechnung. Die Wende hat noch nicht in unseren Köpfen stattgefunden. Auch im neuen Jahr werden wir damit zu tun haben, wieder ,,Bodenunter die Füße zu bekommen.

In ein paar Tagen gehen wir in ein neues Jahr. Wir wissen nicht, was es bringen wird, für mich persönlich, für dieses Land, für diese Welt. Doch eines weiß ich schon jetzt, daß die Arbeit und das „liebe Geldnicht das letzte sein werden. Wir werden uns ganz langsam, auch wenn das noch einmal 40 Jahre dauern wird, wieder an das erinnern, was uns einmal in großer Bedrängnis geprägt hat. Das Miteinander, das Zueinanderstehen im Gegenüber zur Stasi und den SEDSchergen, das offene und ehrliche Gespräch auch mit unseren Kindern, die Kirche, die nach wie vor offen ist für jeden mit ihrem Trost, dem Gebet und dem Wort Gottes. So lassen Sie uns doch in diesem zu Ende gehenden Jahr wieder darüber nachdenken, was sich lohnt aufzugeben und was es gilt, zu bewahren für uns und unsere Kinder. Ich wünsche Ihnen die Zeit für diese Gedanken

In unserer Kirche werden wir in der Silvesternacht die Jahreslosung für 1992 hören. Christus spricht: ,,In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe diese Welt überwunden(Johannes 16,33). Diese Verheißung ist für unsere momentane Situation ein großes Trostwort. Nicht wir müssen es schaffen. ER hat bereits diese Welt überwunden. Das kann sehr ruhig und sehr dankbar werden lassen. Vertrauen wir das vergangene Jahr mit all seinen Höhen und Tiefen, all seinen Bedrängnissen und Freuden unserem Gott an. Beginnen wir mit IHM ein neues Jahr. Dazu wünsche ich Ihnen Freude, Kraft, Vertrauen und SEINEN SEGEN.“

(Freies Wort, 27.12.1991)
Andacht im "Freien Wort" 1991

Andacht im „Freien Wort“ 1991

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