Grußwort – 10 Jahre Gymnasium Jena

Liebe Gäste, liebe Leser und Leserinnen,

10 Jahre jung wird unser Christliches Gymnasium in Jena. Auf zehn Jahre intensive Aufbauarbeit blicken wir gemeinsam zurück. Ein Grund zum Innehalten und Geburtstag feiern. Der Blick geht zu einem solchen Jubiläum nicht nur rückwärts, sondern auch in die Zukunft und führt damit zur Frage nach der weiteren äußeren und inhaltlichen Gestaltung unseres Christlichen Gymnasiums.

1994 - 2004

1994 – 2004

Ein zukünftiges, noch besser strukturiertes offenes Ganztagsangebot Evangelischer Schulen soll mit klar definierten Bedingungen einen positiven Beitrag zur Erziehung und Bildung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, d.h. zur Schulqualität und zur Stützung der familiären Erziehung, leisten. Dabei ist darauf zu achten,  dass bei aller Innovation die Erziehungsarbeit den Familien nicht entzogen wird. Eltern sollen unterstützt werden, die auf sie zukommenden schwierigen Aufgaben von Erziehung und Bildung ihrer Kinder bewusst und verantwortlich wahrzunehmen. Ziel ist eine Partnerschaft zwischen Schule und Eltern im Bereich von Erziehung und Bildung.

Das offene Angebot Evangelischer Schulen orientiert sich an den Leitlinien der Freiwilligkeit und Pluralität. Das bedeutet, dass das offene Ganztagsangebot im Sinne unterrichtsergänzender Fördermaßnahmen nicht nur im Anschluss an die reguläre Unterrichtszeit durch die Evangelische Schule ausgestaltet werden kann. Die Angebote in Familien sollen vielmehr ergänzt, jedoch nicht ersetzt werden. Ziel ist auch die Stärkung der Bildungs- und Erziehungsbereitschaft der Familien. Die bisherigen Erfahrungen unserer Evangelischen Schulen zeigen, dass offene Ganztagsangebote unter den derzeitigen gesellschaftlichen und familiären Erfordernissen dringend gebraucht werden.
Vorrangiges Ziel ist es, Schülern und Schülerinnen zunächst gemeinsam mit ihren Eltern die Einübung von Verantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und klugen Umgang mit Gottes Schöpfung zu ermöglichen. Unsere Schüler und Schülerinnen sollen zu einer sich selbst und dem Nächsten gegenüber verantwortlichen und erfolgreichen Lebensplanung unter den Rahmenbedingungen einer pluralen Gesellschaft befähigt werden und eine Ermutigung zur Umsetzung erfahren. In stärkerem Maße ist es deshalb erforderlich, die individuellen Fähigkeiten und Begabungen eines jeden Schülers und einer jeden Schülerin gezielt in den Blick zu nehmen. Zur Verstärkung ist auch eine gezielte Lernbegleitung von Schülern und Schülerinnen, Lehrkräften und Eltern notwendig.

Spezialisten mit sozialpädagogischen oder psychologischen Kompetenzen, aber auch Handwerker und andere externe Experten, sollen in die Schulen geholt werden. Sie sollen nicht nur den Unterricht, sondern auch die Ganztagsarbeit in Projekten mit Eltern und Lehrkräften in pädagogischer Gesamtverantwortung der Schulleitung mitgestalten können.
Die Verknüpfung der Evangelischen Schulen mit außerschulischen Partnern und Lernorten über die Familie hinaus soll künftig fester Bestandteil weiterentwickelter Schulkonzepte sein. Jedoch ist das „A“ und „O“ aller schulischer Arbeit: Sich Zeit nehmen für die uns anvertrauten Kinder. Im heutigen Schulalltag ist dringend eine Entschleunigung der Bildung geboten. Evangelische Schulen sollten neben der Bejahung von Leistungsorientierung auch eine Kultur des „Feierns“ etablieren – orientiert am Kirchenjahr. Um den Schulalltag mit  mehr Muse zu bereichern, braucht es einen Jahresplan, in dem sich Zeiten hoher Anstrengung mit Zeiten der Entspannung abwechseln. Eine Rhythmisierung des Schulalltags ist wünschenswert. Freie Stillarbeit und die Morgenandacht vermögen die Schulwoche oder den einzelnen Schulalltag zu entschleunigen. Auch die “Besinnungs- und Einkehrtage” gehören nicht nur für Schüler und Schülerinnen, sondern auch für die Kollegien unserer Evangelischen Schulen in diesen Kontext.

Gelingt die Implementierung eines Mehr an Muse in den Evangelischen Schulalltag nicht, wird sich die dortige Bildungsarbeit in pausenloser Geschäftigkeit erschöpfen. Der permanente Wettlauf mit der knapp bemessenen Zeit geht dennoch verloren. Ein ständiges Arbeiten und Überarbeiten – sei es aus eigenen oder fremden Ansprüchen heraus – ist zutiefst unevangelisch, macht weder glücklich noch „selig“. Erst im Zusammenspiel von Muse und Leistung kann der Mensch die ihm von Gott geschenkten Gaben entfalten.

1994 - 2004

Schulreferent Pfarrer Johannes Ziegner, 1994 – 2004

Nur unter Berücksichtigung der genannten Prämissen wird eine gute Schule Schülern und Schülerinnen zu Lernergebnissen verhelfen, die sich nicht bloß in der Reproduktion von Lehrplanwissen erschöpfen, sondern auch Sach-, Methoden-, Selbst-, Sozial- und Kommunikationskompetenz zum Erwerb und zur Anwendung von Wissen und Lösungsstrategien vermitteln. Diese Lernstrategien dienen den Schülern und Schülerinnen zum selbsttätigen und eigenverantwortlichen Umgang mit Inhalten in ethisch und sozial vertretbarer Weise. Das erfordert auch die Kompensation des Abstands zwischen den leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Schülern im gesamten Bildungsbereich durch entsprechende Angebote und Förderung sowohl im Unterricht als auch außerunterrichtlich.

Folgerichtig soll damit allen Schülern und Schülerinnen eine Basiskompetenz vermittelt werden, die sie für ein Leben in einer pluralen und weltoffenen Industrie- und Wissensgesellschaft benötigen. Diese Basiskompetenz wird auch zur Folge haben, dass die Schüler und Schülerinnen frühzeitig miteinander stärker kooperieren und lernen, die für ein gemeinsames Fortkommen im Beruf und in der Alltagswelt notwendige kooperative soziale und kommunikative Kompetenz zu nutzen.

Auch die Förderung unterschiedlicher Begabungen und damit das Eingehen auf die besonderen Bedürfnisse eines jeden Einzelnen gehören dazu. Schulen in freier Trägerschaft sollten die vom Staat vorgegebenen Bildungsstandards nur als Mindestanforderung verstehen. Ihre Stärke liegt in der Definition von eigenen Standards, die sich nicht nur auf Leistung und deren Evaluation beschränken. Zunehmende Bedeutung gewinnt auch die eigene Qualitätsagentur. Die Evaluation Evangelischer Schulen durch externe Partner in regelmäßigen Abständen ist nötig. Erst in der Kombination von externer Evaluation und hoher Eigenverantwortung jeder einzelnen Schule zeigt sich der Erfolg.
Nach der Auf- und Ausbauphase wird sich die Schulträgerin nun kritischer mit der Profilierung Evangelischer Schulen auseinandersetzen müssen, sollen Evangelische Schulen auf einem guten Weg bleiben. Unsere Schulen müssen zukünftig immer wieder die Anforderungen der Gesellschaft wahrnehmen und ihnen gerecht werden. Dann fühlen sich Schüler und Schülerinnen an unseren Evangelischen Schulen wohl und werden das Christliche Gymnasium in Jena als einen wichtigen Lebensabschnitt gerne in Erinnerung behalten.

Das Schulreferat im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen wünscht Ihnen allen eine schöne Geburtstagsfeier und für die kommenden Schuljahre viel Freude und Engagement bei der Umsetzung reformpädagogischer Zielstellungen. Bleiben wir, das Kollegium, die Schüler und Schülerinnen, die Eltern und auch die Schulträgerin im Gespräch und gestalten gemeinsam unser Evangelisches Gymnasium in Jena. Für die wegweisende und tatkräftige Hilfe danke ich Ihnen allen, die sie sich mit all Ihrer Kraft für unser Christliches Gymnasium in Jena eingesetzt haben.

Es grüßen ganz herzlich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Schulreferats im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen.“

Ihr Pfarrer Johannes  Ziegner
Schulreferent
2004

P.S. Die Teilnahme an diesem Schuljubiläum wurde dem Schulreferenten durch den zuständigen Oberkirchenrat W. ohne Grund untersagt.

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