Evangelische Schulen, Aufsatz

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Nichts ist spannender als Evangelische Schulen
– Tag für Tag –
(am Beispiel Thüringen)

von Pfarrer Johannes Ziegner
Schulreferent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen

1. Die Anfänge

1993 – etwas mehr als 3 Jahre nach dem Scheitern der Deutschen Demokratischen Republik – hatten Eltern aus Gotha und den umliegenden Dörfern des Landkreises Gotha die Eröffnung einer zweizügigen christlichen Gemeinschaftsschule in Gotha durch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen als Schulträgerin erreicht. Dass als Schulhaus die umgebaute Friedhofskapelle auf dem ehemaligen Friedhofsgelände von der Stadt Gotha angemietet wurde, störte niemanden. Der Wille zum Aufbruch in ein neues Bildungszeitalter war nach allen erlebten Unzulänglichkeiten und 40 Jahren Bildungsabstinenz stärker.

Die bildungspolitische Entmündigung durch das gescheiterte sozialistische System bedurfte dringend der Kurskorrektur. Vielen Eltern agierte nun der Staat zu langsam, obwohl sich das Thüringer Kultusministerium große Mühe gab, eine vielfältige Bildungslandschaft aufzubauen. Eltern gelang es, die Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen von der Notwendigkeit der Nutzung des Bildungspotenzials der evangelischen Kirche zu überzeugen. Die Schulträgerin versuchte trotz aller Unwägbarkeiten nach 40-jähriger Bildungsabstinenz diesen Schulstart am 01. September 1993 zu gestalten und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich evangelische Schulen in einer besonderen Atmosphäre entwickeln können. Damals ahnte niemand, dass die Evangelisch-Lutherische  Kirche in Thüringen nach 10 Jahren Trägerin von 10 allgemeinbildenden Schulen in freier Trägerschaft sein wird.

Zu den anstehenden Strukturveränderungen im kirchlichen Raum kam die Aufgabe der Gestaltung einer Schulstruktur und eines kirchlichen Schulprofils dazu. Anfangs wurde diese zusätzliche Aufgabe “nebenbei miterledigt”. Die Schulträgerin hatte gegenüber dem Thüringer Kultusministerium verschiedene Verpflichtungen – oft fristgebunden – zu erfüllen, seien es schulorganisatorische Festlegungen oder die Regelung von Personal- und Finanzierungsfragen. Die Bayerische Schulstiftung in Nürnberg bot ihre Hilfe an, die von der Landeskirche gern in Anspruch genommen worden ist.

In der Registratur des Landeskirchenamtes der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen wurde anfangs die gesamte Schularbeit unter einem einzigen Aktenzeichen angelegt. Die zunehmende Unübersichtlichkeit des Aktenbestandes verdeutlichte alsbald, dass das neue Aufgabengebiet kein “Ameisendasein” führen wird, sondern sich eher die Mutation zu einem “ausgewachsenen Mammut” anbahnt. 90 Meter laufende Schulakten, mehreren Aktenzeichen-Zahlenbäumen zugeordnet, sind  heute das Ergebnis einer 10-jährigen kontinuierlichen Arbeit.

Registratur LKA Eisenach

Registratur LKA Eisenach

In Eisenach und Jena setzten zeitgleich mit Gründung der Evangelischen Grundschule Gotha Schulgründungsinitiativen für Gymnasien ein. In Eisenach sollte das alte humanistische Gymnasium am Predigerplatz durch den Verein der “Freunde von Luthers Schule” wiederbelebt werden. In Jena machten sich Eltern, zum Teil auch aus den westlichen Bundesländern angesiedelt, für ein modernes Gymnasium stark. In Eisenach hat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen als Schulträgerin 1994 den schon bestehenden, am Predigerplatz ausgelagerten Schulteil des Ernst-Abbe-Gymnasiums komplett mit den Klassenstufen 5 – 9 samt Lehrkräften übernommen. Das war – im nachhinein gesehen – ein Fehler. Die Etablierung eines evangelischen Profils und damit auch “des anderen Schulalltags” erwies sich als schmerzlich und nahm Jahre in Anspruch. Dagegen wurde 1994 in Jena mit einer 5. Klasse begonnen, die Schule langsam aufgebaut und eigenständig das evangelische Profil dieser Schule herausgearbeitet.

Jetzt mußten feste verläßliche Strukturen zwischen Schulträgerin und Thüringer Kultusministerium, jeder Schule und Schulträgerin sowie zwischen Schulträgerin und örtlichen Gremien (Gemeindekirchenräte, Schulfördervereine) geschaffen werden. Die Umsetzung der Schulkonzepte sowie die jährlichen Bewerbungsgespräche mit neuen Lehrkräften hatten zunächst Vorrang.

Ein wichtiges Anliegen ist es bis heute, Schüler und Schülerinnen offensiv zu werben, weil Schulen in freier Trägerschaft kein Einzugsgebiet haben. Ohne gute Öffentlichkeitsarbeit ist eine Schule in freier Trägerschaft nicht überlebensfähig. Auch ist dauerhafte juristische Begleitung für die Schularbeit nötig, soll kein “Schiffbruch” erlitten werden. Die juristische Arbeit muss jedoch zurückhaltend gehandhabt werden, soll das Schulprofil nicht leiden.

Die Kirchenleitung hat die mit einem Volltheologen zu besetzende Stelle eines Schulreferenten 1993 geschaffen. Nach Eröffnung der Evangelischen Grundschule Gotha sind 1994 das Martin-Luther-Gymnasium in Eisenach und das Christliche Gymnasium Jena, 2001 das Christliche Spalatin-Gymnasium Altenburg und 2002 die Evangelische Grundschule Eisenach von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen auf eigenem Kirchengebiet eröffnet worden. Auf dem im Freistaat Thüringen gelegenen Gebiet der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen  hat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen im Rahmen von Übernahmeverträgen 1998 die Evangelische Grundschule Mühlhausen, 1999 die Evangelische Grundschule Nordhausen (bereits 1997 von einem Verein gegründet) und die Evangelische Grundschule Ufhoven, 2002 das Evangelische Gymnasium Mühlhausen und die Evangelische Regelschule Nordhausen in Trägerschaft genommen.

2. Die Schulträgerin

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen ist zu ihren evangelischen Schulen gekommen, wie die “Jungfrau zum Kind”. Nach der politischen Wende mühsam auf dem Weg der Neuorientierung, kommen zum kirchlichen Auftrag plötzlich peu á peu Schulen – ja eine ganze Bildungslandschaft dazu. 40 Jahre lang durfte auf Grund staatlicher Ressentiments der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik dieser Arbeitsbereich weder kirchlich betreut noch bearbeitet werden. Alte Erfahrungen aus der Zeit vor 1949 waren in Thüringen nicht mehr abrufbar. Für alle Beteiligten tat sich deshalb ein neues, unbekanntes Arbeitsfeld auf.

Die Kirchenleitung taktierte vorsichtig, nicht wissend, was da auf die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen zukommen wird. Manche kirchliche Stimmen – noch immer tief durch die eigenen schulischen Erfahrungen im Sozialismus geprägt – ließen verlautbaren, Schule sei eine ausschließliche Angelegenheit des Staates. Leider wurde in verschiedenen Gesprächen im Rahmen  anstehender Überzeugungsarbeit für evangelische Schulen das Gespräch immer und immer wieder von einigen aus den westlichen Bundesländern übergesiedelten Eltern mit dem Satz begonnen: “Bei uns gab es das nicht ….. und das war gut so” – schade. Es grenzt eigentlich an ein Wunder, dass trotzdem immer mehr Schulen in kirchliche Trägerschaft gerieten und der Bildungsbereich in der kirchlichen Arbeit immer weiter wuchs.

Inzwischen hat innerkirchlich in den Leitungsgremien ein Umdenken eingesetzt. In diesem schwierigen Meinungsbildungsprozess mit harten Aus- und Anfechtungen hat sich gezeigt, dass jede evangelische Schule nur dann überlebensfähig und unverwechselbar ist, wenn mit sehr klaren Regelungen gearbeitet wird und engagierte, auch zu Opfern bereite haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter am Werk sind. Im Umkehrschluss heißt das, dass evangelische Schulen ohne eine starke Unterstützung durch Mitarbeiter und Institutionen nicht dauerhaft lebensfähig sind. Die Schulträgerin muss immer wieder darauf achten, dass sie klare Prioritäten setzt und den Bildungsbereich  deutlich strukturiert, um jederzeit auf Veränderungen im bildungspolitischen Bereich sofort reagieren zu können.

Evangelische Schulen sind ständig im Wandel. Die Schulentwicklung und -profilierung unserer evangelischen Schulen wird niemals abgeschlossen sein. Dafür sorgen das Schulumfeld, die Eltern, Schüler und Schülerinnen, die Lehrkräfte und auch die staatliche Schulentwicklung. Will die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen auch weiterhin  als freie Schulträgerin im Freistaat Thüringen ernst genommen werden, muss sie Aufgaben und Verantwortung klar definieren und im Blick behalten. Verläßlichkeit ist der Nährboden für Hoffnung und Aufbruch. Diese im Ergebnis lohnende Kraftanstrengung braucht auch die Kirche selbst.

Jedes Jahr verlassen Schüler und Schülerinnen nach erfolgreichen Abschlüssen unsere Schulen. Andere besuchen Tag für Tag unsere Schulen, um nicht bloßen Unterricht, sondern auch eine Gemeinschaft im Sinne des Evangeliums zu erleben. Was für ein Potential baut sich für die Evangelisch-Lutherische Kirche hier auf? Das läßt sich letztendlich mit Geld nicht bewerten. Kirchgemeinden, Kirchenkreise, die Landeskirche, kirchliche und diakonische Einrichtungen werden davon in den kommenden Jahren und Jahrzehnten profitieren. Auf sie kommen neue, interessierte und versierte haupt-, neben- und ehrenamtliche Mitarbeiter zu.

Die Schulträgerin darf keinesfalls versuchen, die “markanten Ecken und Kanten” der Entwicklung evangelischer Schulen abzuschleifen, um in Gesellschaft und Staat “geräuschlos” wirken zu können. Langeweile und Irrelevanz wären die Folge. Evangelische Schulen sind nur dann interessant und erfüllen ihren Auftrag, wenn sie “Gesicht” zeigen.  Nicht ängstliche Ausgewogenheit sondern ein fairer streitbarer Umgang miteinander bringt die Vielfalt der evangelischen Schulen – ja der Kirche – in unserer Gesellschaft ins Gespräch. Unsere Gesellschaft sehnt sich nach erkennbaren Haltungen und Strukturen, nach “Felsbrocken im Meinungsbrei”. Warum haben unsere evangelischen Schulen so einen Zulauf? Viele trauen evangelischen Schulen einiges zu. Sie sollen ein “Kompass im Meer der Standpunktlosigkeit” sein. Evangelische Schulen gehen bei der Formung des jungen Menschen von einem Gesamtbild des Menschen aus. Das sind keine uninteressanten Gesichtspunkte für die Zukunft der Christenheit in einer Wissensgesellschaft. Ein “Schuss” Elitebewußtsein neben Demut und Nächstenliebe ist zulässig, um den christlichen Glauben im 21. Jahrhundert nicht untergehen zu lassen.

Evangelische Schulen leben von ihrer Erkennbarkeit und der Bemerkbarkeit der Schulträgerin in der Gesellschaft. Verläßliche menschliche Beziehungen sind heute Erfolgserlebnisse. Gepaart mit der Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung bilden sie ein wirksames Mittel zur Eindämmung von Aggression und Gewalt an Schulen und innerhalb der Gesellschaft. Immer wieder wird deutlich, dass von evangelischen Schulen nicht mehr – aber auch nicht weniger – als allgemein von der Kirche erwartet wird. Eine starke Gemeinschaft führt zu neuen Ufern. Gute Ideen werden auch für unsere Kirche mehr und mehr gebraucht.  Evangelische Schulen sind dafür ein dankbarer Ort. Mit dem Landeskirchenrat und den Landessynodalen sind wir auf einem guten Weg des gemeinsamen Lernens für den Aufbau der evangelischen Bildungslandschaft im Freistaat Thüringen.

3. Die Schulen

Bei Übernahme von Schulträgerschaften war es stets der Wille der Schulträgerin, zur gemeinsamen Gestaltung der Schule Eltern mit in das “startende Boot” zu holen. Wer eine andere, eine evangelische Schule ernsthaft “bauen” will, muss Eltern, Lehrkräfte, Schüler und Schülerinnen und das kirchliche Umfeld (Kirchgemeinde) einbinden. Das verursacht manche Schmerzen, ist aber konsequent. Mit Meinungsvielfalt demokratisch umzugehen, fällt oft nicht leicht: “Es ist doch mein Kind; Vier Grundschuljahre sind kurz; Mein Kind soll alles Schöne an der besonderen Schule erleben dürfen, für sein Leben ist das doch so wichtig; Die Kindheit geht so schnell vorbei”. Das sagen sich viele Eltern.
Zum Thema “Schule” meinen alle mitreden zu können. Jeder hat selbst einmal auf seine Art Schule erlebt und eigene Erfahrungen gesammelt. Dabei ist sehr interessant, dass die Diskussion um eine Erneuerung von Schule immer wieder belebt und wohl auch nie abreißen wird. Aus allen Disputen und Diskussionen das herauszufiltern, was eine gute Schule mit evangelischem Profil voran bringt, ist die Aufgabe aller Beteiligten.
Einige Schüler und Schülerinnen, die schon an unserer Schule vor drei oder vier Jahren das Abitur abgelegt haben, studieren nun Lehramt. Also gelingt doch dieser gemeinsame Prozess zur Beförderung  evangelischer Schulen.

Heute haben unsere evangelischen Schulen einen sehr starken Schülerzulauf. Weite Schulwege werden in Kauf genommen. Schüler und Schülerinnen aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen zum Unterricht. Trotz sinkender Schülerzahlen im Freistaat Thüringen ist ein Ansturm auf unsere evangelischen Schulen festzustellen. Eltern muss wegen beschränkter Schülerplatzkapazitäten die Aufnahme ihres Kindes verweigert werden. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen kann und will Schüler und Schülerinnen nicht nach Schema “F” behandeln, sondern als Partner ernst nehmen. Evangelische Schüler und Schülerinnen werden aktive evangelische Gemeindeglieder in Zukunft sein – da ist sich die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen sicher.

Das Lehrpersonal aus Schulgründungszeiten hat zwischenzeitlich nahezu vollständig den Arbeitsplatz gewechselt. Die “Ersten” haben viel Arbeitskraft investiert, um ihre Ideen zusammen mit Kollegien, Eltern, Schülern und Schülerinnen umzusetzen. Viele engagierte Lehrkräfte mussten erfahren, dass Selbstverwaltung und Selbstorganisation einer Schule für sie zu aufwendig und nicht durchhaltbar ist. Andere wenige Lehrkräfte haben sich gefreut, nach dem Referendariat nun eigene Ideen umsetzen zu können. Das tun sie auch noch heute mit viel Energie. Wieder andere Lehrkräfte haben geheiratet und sind weggezogen. Einigen Lehrkräften war der an den BAT-Ost angelehnte “Kirchentarif” zu wenig – sie sind  zurück in die westlichen Bundesländer gezogen wegen Aussicht auf Verbeamtung und höherem Bruttogehalt. Bisher hat kein Lehrer und keine Lehrerin den Arbeitsplatzwechsel mit dem evangelischen Schulprofil, den kleinen Klassenmeßzahlen oder mit der Schulatmosphäre begründet.

Das heutige Lehrpersonal gestaltet überwiegend gern mit vielen Ideen und konstruktiven Beiträgen mit der Schulträgerin zusammen die Schulen. Dem Lehrpersonal kommt eine Schlüsselfunktion für die Profilierung und die öffentliche Darstellung von evangelischen Schulen zu. Bei Personalentscheidungen ist es wichtig, dass die Schulträgerin auch als Arbeitgeberin bewusst mit Blick auf andere Formen des Miteinanders und der Schulgestaltung Auswahlentscheidungen trifft.

Der Schulalltag hat seine “Tücken”. Dennoch soll er für das Kollegium, die Schüler und Schülerinnen sowie für die Schulträgerin ein größtmögliches Maß an Freiräumen erhalten, um produktive, kreative und auch menschliche Entfaltungsmöglichkeiten bieten zu können. Das wirkt sowohl in die Kirche als auch in die Gesellschaft hinein. Eltern, Lehrkräfte und auch die Schulträgerin wollen das Beste für ihre Schule. Das führt manchmal, während innerkirchliche Strukturen nur langsam “greifen”, zu Verunsicherungen.

4. Das evangelische Profil

Woran erkennt man eine evangelische Schule? Am Kreuz im Eingangsbereich, am neu errichteten Glockenturm, am Lächeln evangelischer Schüler und Schülerinnen, an weltoffenen Lehrkräften oder woran?
Zunächst ist festzustellen, dass evangelische Schulen von Menschen für Menschen gemacht werden – mit allen Fehlbarkeiten, allen Höhen und Tiefen. Und das ist gut so. Das Evangelium soll eine Orientierung auf dem gemeinsamen Weg “Schule” sein. Dabei wird jede einzelne Schule ihren eigenen Weg finden müssen.

Eine Grundvoraussetzung ist die evangelische Konfession der Schulleitung, aber auch des Kollegiums. Bei den Schülern, Schülerinnen und Eltern darf nicht vergessen werden, dass es über 40 Jahre lang in Ostdeutschland kein staatlich akzeptiertes kirchliches Wirken in der Gesellschaft und auch keinen evangelischen Schulalltag gab. Vieles muß erst wieder bewußt entdeckt und für den Schulalltag umgesetzt werden. Morgenkreise, Morgengebete, Schlussandachten und Festgottesdienste zu Beginn und zum Ende des Schuljahres, zu Weihnachten und Ostern sind heute schon wieder selbstverständlich. Gott sei Dank.
Ablauf und Form von Andacht und Gottesdienst bleiben lebendig, weil immer wieder andere Schülergruppen die Gestaltung mit Religionslehrkräften oder der Schulpastorin oder dem Schulpfarrer übernehmen. Es ist schon erstaunlich, wenn zum Schuljahresbeginn oder zum Schuljahresende die Bänke der Georgenkirche in Eisenach mit fröhlich in die Kirche einziehenden Schülern und Schülerinnen vollbesetzt sind oder sich die Turnhalle des Christlichen Gymnasiums Jena zu besonderen Gottesdiensten oder anderen kirchlichen Aktivitäten füllt. In unseren Grundschulen fehlen oftmals noch die Räumlichkeiten, um spontan zusammenkommen zu können. Dies wird sich in den nächsten Jahren durch Um- und Ausbau noch ändern. Kirchgemeinden öffnen inzwischen gern ihre Türen für die evangelische Schule vor Ort.

Das ist nur die eine Seite des evangelischen Profils. Woran erkennt man nun eine evangelische Schule? Ist es die besondere Ausgestaltung der Eingangsbereiche, der Flure, die Ausgestaltung der Klassenzimmer? Ist es der “Raum der Stille”, der in jeder Schule inzwischen vorhanden ist? Eine evangelische Schule sollte ausstrahlen, was sie ist. Nur so kann ein Fremder beim Betreten einer evangelischen Schule feststellen: “Hier ist irgendetwas anders!” Bei der weiteren Spurensuche wird er entdecken, dass Schüler und Schülerinnen fröhlich miteinander umgehen, Lehrkräfte den Weg zum Sekretariat finden helfen und auch nebenbei zu Auskünften bereit sind.  Die zwischenmenschliche Atmosphäre ist anders. Dem Fremden wird es nicht schwer fallen, sich hier wohl zu fühlen.

Am evangelischen Profil einer evangelischen Schule wird immer “gebaut”. Das evangelische Profil läßt sich ebensowenig fertigstellen wie die Schulentwicklung selbst. Ein Grundanliegen aller pädagogischen Gestaltung ist, dass jeder Schüler und jede Schülerin mit dem Sein, Wollen und Tun an unseren evangelischen Schulen als eine eigenständige Persönlichkeit – als Geschöpf Gottes – geachtet wird.

5. Das Ganztagskonzept

Die Gesellschaft und auch die allgemeinbildenden Schulen sind derzeit nachhaltigen Umwälzungen ausgesetzt. Innovative Sozial-, Lern- und Arbeitsforderungen eignen sich als eine pädagogische Antwort auf derartige Veränderungen. Stärker als bisher müssen neben dem klassischen Unterricht reformpädagogische Ansätze wirken, die z.B. als Freiarbeit, Wochenarbeit, Stationsarbeit und Projektarbeit in den Schulalltag integriert werden. Das offene Ganztagsangebot soll mit klar definierten Bedingungen einen positiven Beitrag zur Erziehung und Bildung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, d.h. zur Schulqualität und zur Stützung der familiären Erziehung, leisten. Es muss darauf geachtet werden, dass die Erziehungsarbeit den Familien nicht entzogen wird. Eltern sollen unterstützt werden, die ihnen zukommenden schwierigen Aufgaben von Erziehung und Bildung ihrer Kinder bewußt und verantwortlich wahrzunehmen. Ziel ist eine Partnerschaft zwischen Schulen und Eltern im Bereich von Erziehung und Bildung.

Wochenarbeitsplan

Wochenarbeitsplan

Das offene Ganztagsangebot evangelischer Schulen wird sich an den Leitlinien der Freiwilligkeit und Pluralität orientieren. Das bedeutet, dass das offene Ganztagsangebot im Sinne von unterrichtsergänzenden Fördermaßnahmen nicht nur im Anschluss an die reguläre Unterrichtszeit durch die evangelische Schule ausgestaltet werden kann. Die Angebote in Familien sollen vielmehr ergänzt, jedoch nicht ersetzt werden. Ziel ist also auch die Stärkung der Bildungs- und Erziehungsbereitschaft der Familie.

Darüber hinaus ist dieses offene Ganztagsangebot mit einem pädagogischen Konzept unterlegt, das die Vielfalt von Inhalten und Methoden zu ermöglichen und umzusetzen vermag. Die bisherigen Erfahrungen der evangelischen Schulen zeigen, dass offene Ganztagsangebote den derzeitigen gesellschaftlichen und familiären Erfordernissen geschuldet sind. Oberstes Ziel ist es, dass Schüler und Schülerinnen zunächst gemeinsam mit ihren Eltern ihr Leben in der Verantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und klugen Umgang mit Gottes Schöpfung einüben können. Unsere Schüler und Schülerinnen sollen zu einer eigenverantwortlichen und erfolgreichen Lebensplanung unter den Rahmenbedingungen einer pluralen Gesellschaft befähigt werden und eine Ermutigung zur Umsetzung erfahren. Dazu ist es in stärkerem Maße erforderlich, die individuellen Fähigkeiten und Begabungen der Schüler und Schülerinnen gezielt in den Blick zu nehmen. Dies erfordert unter anderem die Erweiterung der diagnostischen Kompetenz unserer Lehrkräfte.
Zur Verstärkung ist auch eine gezielte Lernbegleitung von Schülern, Schülerinnen,  Lehrkräften und Eltern dringend notwendig. Speziallisten wie Sozialpädagogen, Psychologen aber auch andere Experten sollen in die Schulen geholt und nicht nur den Unterricht, sondern auch die Ganztagsarbeit in Projekten mit Eltern und Lehrkräften in pädagogischer Gesamtverantwortung durch die Schulleitung mitgestalten.

Die Verbindung der evangelischen Schulen mit außerschulischen Partnern und Lernorten über die Familie hinaus soll künftig fester Bestandteil weiterentwickelter Schulkonzepte werden. Jedoch ist das “A und O” von Ganztagsangeboten: Sich Zeit nehmen für die anvertrauten Kinder. Das setzt auch voraus, dass der Abstand zwischen den leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Schülern und Schülerinnen im gesamten Bildungsangebot durch entsprechende Angebote und Förderung sowohl im Unterricht als auch außerunterrichtlich kompensiert wird. Folgerichtig soll damit allen Schülern und Schülerinnen eine Basiskompetenz vermittelt werden, die sie für ein Leben in einer pluralen und weltoffenen postindustriellen Gesellschaft benötigen. Diese Basiskompetenz wird zur Folge haben, dass die Schüler und Schülerinnen frühzeitig miteinander stärker kooperieren und spielend lernen, die für ein gemeinsames Fortkommen im Beruf und in der Alltagswelt notwendige kooperative soziale und kommunikative Kompetenz zu nutzen.

Die Schulträgerin wird zu diesen Fragen noch stärker Stellung beziehen müssen, sollen ihre evangelischen Schulen den künftigen Anforderungen der Gesellschaft gerecht werden.

6. “Eine Unterstützung”

Evangelische Schulen brauchen neben der Schulträgerin noch viele andere ”stützende Kräfte”. Mit Eltern und Fördervereinen tun sich oftmals Partner auf, die aus dem gesellschaftlichen Bereich oder aus der Wirtschaft gern evangelische Schulen ein Stück mit auf ihrem Weg tatkräftig begleiten wollen.

1994 lag die Kopie einer Bankanweisung über 5.000,00 DM auf dem Tisch des Schulreferenten. Der „Spender“ war wegen der damals noch schlechten Kopiergeräte nur schwer identifizierbar. Rückfragen deuteten auf eine “Brauerei im Westen” hin, die helfen wollte. Die Verwunderung war groß. Nachforschungen führten zur Barbara-Schadeberg-Stiftung. Diese Stiftung hat es sich zum Ziel gesetzt, Lehrerkollegien evangelischer Schulen gezielt fortzubilden und den neu eingeführten Evangelischen Religionsunterricht an evangelischen Schulen besser auszustatten.

Dann kam der langjährige 2. Vorsitzende der Barbara-Schadeberg-Stiftung, Herr Oberstudiendirektor i.R. Karl-Heinz Potthast nach Thüringen, um sich selbst ein Bild von der Entwicklung Evangelischer Schulen zu machen. Seine Gespräche, seine Besuche an unseren Evangelischen Schulen, aber auch seine wichtigen pädagogischen Erkenntnisse und pädagogischen Lebensweisheiten waren jedes Mal mit ein wichtiger Baustein in der Gestaltung unserer evangelischen Schulen. Herr Potthast war einfach da und hat sich mit seinem vollen pädagogischen Wissen eingebracht. Diese wichtigen und interessanten Begegnungen werden in Erinnerung bleiben.

Mitglieder der Barbara-Schadeberg-Stiftung.

Mitglieder der Barbara-Schadeberg-Stiftung.

Der Barbara-Schadeberg-Stiftung, der Stifterin Frau Barbara Lambrecht-Schadeberg und insbesondere auch dem langjährigen 2. Vorsitzenden der Stiftung, Herrn Oberstudiendirektor i.R. Karl-Heinz Potthast möchten wir ein herzliches Dankeschön sagen. Ohne die regelmäßige Begleitung, finanzielle Hilfe und die klare Vorstellung, was mit den Zuwendungen zu geschehen hat, wären wir heute noch nicht ganz so weit.

Das Engagement der Barbara-Schadeberg-Stiftung und ihres langjährigen 2. Vorsitzenden zeigen es deutlich:

”Nichts ist spannender als Evangelische Schulen – Tag für Tag. Gott sei dank!”.

(Eisenach 2004)