Vortrag zu den Empfehlungen der Enquetekommission „Bildung“

Verschiedene Dimensionen des Lernens

Vorgetragen von Pfarrer Johannes Ziegner
Schulreferent, Landeskirchenamt Eisenach
am 07. Juli 2004, Augustinerkloster Erfurt

„Sehr geehrter Herr Landesbischof Dr. Kähler,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Ströbel,
lieber Herr Prof. Dr. Nipkow,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

Erziehung und Bildung im schulischen und im außerschulischen Bereich sollten auf möglichst hohem Niveau stattfinden. Das gelingt nur, wenn alle Beteiligten in einem solchen Prozess umfassend eingebunden werden und verantwortlich miteinander kooperieren. Unsere Schulen sind keine Einrichtungen zur Kompensation von Erziehungsdefiziten, sie können aber einen guten Schulalltag anbieten. D.h.: Der Unterricht selbst sollte nicht nur mit dem Blick auf spätere Bildungs- und Berufschancen sinnvoll erfahren werden. In meinen Ausführungen beziehe ich mich speziell auf Schulentwicklung und somit auf die verschiedenen Dimensionen des Lernens in einer Schule:

Vortrag Pfr. Ziegner, Augustinerkloster Erfurt

Vortrag Pfr. Ziegner, Augustinerkloster Erfurt

1. Austausch zwischen Kindergarten – Grundschule – weiterführende Schule

Bei der Festlegung von Rhythmisierungskonzepten im Grundschulbereich sowie der Gestaltung jedes einzelnen Schulprofils darf die Bildung im Kindergartenbereich vor Ort nicht außer Acht gelassen werden. Kindergarteneltern wollen wissen, wie es in der Grundschule mit dem Konzept – genauer: mit ihrem Kind – weitergehen wird. Ebenso dürfen die Regelschule und das Gymnasium die Grundschule bei ihren Bildungskonzepten nicht aus den Augen verlieren. Schon im Kindergarten und in der Grundschule sind 4 bis 7 Jahre intensive Bildungsarbeit geschehen. Regelschule und Gymnasium dürfen nicht von vorn beginnen. Sie müssen an geschehener Bildungsarbeit ansetzen. Ich denke, es ist eine Überlegung wert, ob und inwieweit der Evangelische Kindergartenbereich des Diakonischen Werks zukünftig mit dem Arbeitsbereich Evangelische Schulen (Grundschulen und weiterführenden Schulen) vernetzt werden kann.

2. Entwicklung von Kollegien und Schulleitungen

Kollegien sollten für das Angebot eines differenzierten Unterrichts befähigt sein, um eine möglichst individuelle Förderung für die Schüler und Schülerinnen bewusst gestalten zu können. Ein vernetztes Denken ist nicht nur im Lehrerzimmer zu entwickeln. Es zeichnet sich schulisch durch fächerverbindenden bzw. fächerübergreifenden Unterricht aus. Die Qualifikation der Beteiligten sowie die Qualität der Schulleitung ist dabei verstärkt strukturell durch die Schulträgerin zu fördern. Erziehende und Lehrende sind in ihrem Beruf ebenso gleichen gesellschaftlichen Entwicklungen ausgesetzt wie Lernende. Der Unterricht braucht für alle Beteiligten ein gewisses Maß an Faszination. Der Unterricht braucht Lehrende, die von dem was sie tun überzeugt und bereit sind, auch fächerübergreifende und fachfremde Inhalte zu unterrichten. Lehrende müssen die dafür notwendige stärkende Unterstützung erfahren, wollen sie den hohen Anforderungen gerecht werden. Motivation, Leistungsanerkennung und Fortbildung sind dabei nur einige Bereiche, die intensiv für die Schule zu gestalten sind.

Augustinerkloster, Erfurt.

Augustinerkloster, Erfurt.

3. Struktur im Schulbereich der Evangelischen Kirche

Eine klare Verantwortungsstruktur in der kirchlichen Verwaltung verlangt weiter einen verstärkt bewussten und gezielten Einsatz finanzieller Ressourcen und befähigter Mitarbeiter für die kirchliche Bildungsarbeit. Klare effiziente Strukturen sind eine unabdingbare Voraussetzung für Zielsetzung und zielgerichtete Aktion und Reaktion. Bloße „Feuerwehreinsätze“ lassen Energien und Finanzmittel „verpuffen“.

4. Schulklima / Schulkultur

Vertrauen: ist eine Kultur der Anerkennung und des Zutrauens. Dafür müssen sich Schulträger und Schulleitungen stark machen. Ohne eine Kultur des Vertrauens gibt es keine Offenheit, Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit, keine Begegnung und kein Aufeinanderhören. Die Kultur des Vertrauens bezieht sich über die Unterrichtszeit hinaus auf den gesamten Schulalltag. Ebenso wird eine Vertrauensbildung ohne Einbeziehung der Elternschaft nicht möglich sein. Das evangelische Schulwesen benötigt zukünftig ein Fortbildungsprogramm, das die Identität des Lehrenden mit der evangelischen Schule stärkt und weiterentwickelt. Spezielle Fortbildungsangebote für Lehrende und Schulleitung müssen von der Schulträgerin angeboten werden: z. B. ein jährlich stattfindender Fortbildungstag für alle Lehrenden, eine jährlich stattfindende Fortbildungsveranstaltung für jede einzelne evangelische Schule. Bei Fortbildungen muss darauf geachtet werden, dass Werten, Tugenden und Sinnfragen ein angemessenes Gewicht eingeräumt wird. Auch sollte einmal jährlich eine Klausur für unsere Schulleitungen stattfinden, die durch die Schulträgerin verantwortet wird. Darüber hinaus hat die Schulträgerin Vorbereitungen für die besondere Bedeutung der Schulleitung in unseren Schulen zu treffen. Dies benötigt ebenso ein spezifisches Fortbildungsprogramm. Nicht zuletzt sollte sich die Schulträgerin für eine stärkere Anerkennung und einen besseren Status der Lehrenden und der übrigen Verantwortlichen für Schule und Bildung in Kirche und Gesellschaft einsetzen. D. h. auch: Verbesserung der Chancen für eine berufliche Profilierung und für das berufliche Fortkommen. Fortbildung kostet zunächst Zeit und Geld. Zu einem anderen Preis sind eine Förderung und Befähigung auch christlich geprägter Lehrkräfte nicht zu bekommen. Eine gezielte Förderung von Lehrkräften mit Leitungskompetenz bedarf auch den Mut zur Auswahl nach den verschiedenen Gaben zur Erreichung eines den Einzelnen und die Gemeinschaft schonenden, optimalen Einsatzes.

5. Qualität des Lernens

Die Qualität des Lernens wird mittels eines mehrperspektivischen Bildungs- und Lernansatzes sichtbar. Dieser bietet Schülern und Schülerinnen die Chance, sich vielfältiger in den Unterricht einzubringen und dort mit unterschiedlichen Leistungen Beachtung und Wertschätzung zu erfahren. Nötig ist eine externe Evaluation mit externen Partnern. Schulentwicklung kann sich nicht einfach aus sich heraus entwickeln. Sie braucht kompetente Beratung von „außen“, die die Schulentwicklung in Zusammenarbeit mit den Kollegien kritisch prüft. Erst dann wird sich ein von allen Seiten beleuchtetes Innovationskonzept entwickeln, das gemeinsam genutzt werden kann.

Anschließend gemeinsames Essen mit Prof. Dr. Nipkow (links).

Anschließend gemeinsames Essen mit Prof. Dr. Nipkow (links) und der Evangelischen Grundschule Mühlhausen

6. Schule und ihre Partner

Hier stehen wir erst am Anfang:

– Wer kommt als Partner überhaupt in Frage?
– Fachleute aus der Alltags- und Berufspraxis sind verstärkt in den Unterrichtsalltag zu
integrieren.
– Seminarfacharbeiten und Projektarbeiten sind vertieft und verstärkt anzubieten.
– Fortbildungsangebote sind verstärkt zu nutzen oder müssen auch selbst gestaltet
werden. – Jährlich sollte eine gemeinsame Konferenz aller Kooperationspartner
stattfinden. Zielund Aufgabenstellungen sowie Aufgabenverteilung sind hier zu
diskutieren und zu vereinbaren.

7. Ziele und Werte im Bildungsprozess evangelischer Schulen

Was führt zur Unzufriedenheit mit dem Bildungsniveau? Mein Eindruck nach 10 Jahren Bildungsarbeit ist:

– Es wird zu viel von Experten über Bildung geredet und geschrieben, anstatt
Praxistauglichkeit durch verantwortungsbewusstes Ausprobieren zu überprüfen.
– Politiker greifen oftmals in das Bildungsgeschehen ein, ohne vorher mit Praktikern ein
stimmiges Konzept abgeklärt zu haben.
– Statt Bildungsinhalte zu bearbeiten und umzusetzen, verpufft der größte Teil der
Bildungsarbeit in bürokratischen Vorschriften, verstärkten Leistungstests und ständig
neuen gesetzlichen Regelungen.

Es ist eine kritische Selbstüberprüfung der einzelnen Bildungseinrichtung notwendig. In jeder einzelnen Bildungseinrichtung muss um tragfähige und langfristige Lösungen gerungen werden. Das macht jedoch nur dann einen Sinn, wenn die Bildungseinrichtungen wiederum zum Informations- und Erfahrungsaustausch untereinander vernetzt sind. Erst dann wird es gelingen, neu gewonnene Ideen zu beherzigen und engagiert umzusetzen. Unsere Evangelische Kirche ist auch eine Bildungs- und Kultureinrichtung, die einen klaren Auftrag wahrzunehmen hat. Bildung hat dabei ein tiefes, leidenschaftliches Verhältnis zur Langsamkeit. Sie braucht Ruhe, Muse und Zeit. Für die Entwicklung von Bildung sollte sich Zeit genommen werden,
– damit es sich über Bildung nachzudenken lohnt,
– damit wir uns auf Bildung mit unseren Erfahrungen einlassen,
– um letztendlich im Bildungsbereich in einen Gedankenaustausch einzutreten zu können.

Beweggrund sollte es unbedingt sein, den eigenen Horizont zu erweitern, auch mit konstruktiver Selbstkritik und Fremdkritik. Und Kritik tut weh. Aber das muss um der Sache willen ausgehalten werden. Schliessen möchte ich mit dem Satz auf unserer Homepage des Evangelischen Schulwerks: „Jammern hilft nicht. Nichts ist spannender als evangelische Schule – Tag für Tag.“ Danke.“

Johannes Ziegner
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